„Das, was wir groß „das Leben“ nennen, besteht doch aus Millionen von kleinen Einzelentscheidungen“ – Interview mit Patrick Baumann

Würdest du dich als Multipotentialistin oder Scanner Persönlichkeit bezeichnen? Warum?

Ja, auf jeden Fall. Der Begriff „Multipotentialist“ war mir bisher unbekannt, aber Scanner nenne ich mich schon länger. Ich interessiere mich schon immer für alles Mögliche. Und ich interessiere mich nicht nur dafür, sondern würde am liebsten alle Leben, die mir möglich sind, gleichzeitig leben.

Was natürlich nicht geht, und das hat auch seine Schattenseiten. Ich habe mich früher (auch heute noch) immer wieder in Projekten verzettelt, habe alles Mögliche angefangen, aber wenig zu Ende gebracht. Das Buch von Barbara Sher, auf die ja der Begriff „Scanner“ zurückgeht, hat mir dann ganz gut geholfen, damit umzugehen.

Dass ich nicht alles fertigstellen muss, wenn ich eben finde, dass ich alles gelernt habe, was ich lernen wollte. Dass ich auch nicht jeder Idee folgen muss, sondern mich auch einfach an der Idee freuen kann. Und was mir auch hilft, „viele Leben zu leben“, ist, mir Geschichten auszudenken, in denen meine Figuren diese Leben leben, wie zum Beispiel meinen ersten Roman, „2040 – Tag der Deutschen Einheit“.

Was machst du beruflich? Kannst du zwischen Beruf und Privatem trennen?

Mit beruflich ist ja meistens gemeint, womit man Geld verdient. Mit drei Dingen: Ich betreibe eine Billardbar in Berlin, das „Bata Bar & Billiards“. Ich habe einen Onlinehandel für Billardzubehör. Und ich mache Websites als Freelancer.

Am meisten Zeit und Hirnschmalz stecke ich seit einiger Zeit aber in meine Entwicklung als Kreativer und Autor. Das würde ich also gerne auch Beruf nennen, auch wenn ich damit noch kein Geld verdiene. Und was die Trennung zwischen Beruf und Privat angeht: Nein, ich trenne das nicht. Und zwar nicht, weil ich es nicht kann, wie es in der Frage formuliert ist, sondern, weil ich es nicht will.

Ich denke, dass alles, was wir den Tag über tun, zusammengenommen unser Leben ergibt, ob das eben gerade angenehme oder unangenehme Tätigkeiten sind, bezahlte oder unbezahlte, Arbeit oder Erholung und so weiter. Ich halte die Trennung von Beruf und Privatem für mich persönlich für unsinnig, weil alles zusammen mein Leben ergibt.

Wie viele Projekte hast du gerade am Laufen?

Ich bin gerade ziemlich intensiv mit meiner persönlichen Weiterentwicklung beschäftigt, sowohl als Kreativer als auch in Bezug auf mein Innenleben und was es im Außen bewirkt. Genauer mag ich da gerade nicht drauf eingehen. Was bei mir los ist, kann man übrigens fast in Echtzeit sehr gut in meinen Momentaufnahmen nachlesen oder hören.

Hast du Rituale, die dir helfen, dich zu fokussieren?

Anfangen und alle Benachrichtigungen abschalten. Aber vor allem anfangen. Man braucht keinen Fokus, um anzufangen. Man fängt an, und dann kommt der Fokus. Genauso „in der richtigen Stimmung sein“. Braucht man auch nicht.

Aus einem Buch, das ich gerade lese („Finding Ultra“ von Rich Roll), habe ich das Zitat: „Mood follows action.“ Habe ich mir gleich an die Wand gehängt. Aber ein ganz konkretes Ritual noch: Ich schreibe morgens seit einem Jahr täglich Morgenseiten (Konzept von Julia Cameron), die mir helfen, die trüben Gedanken zu verjagen.

Wie wichtig ist es dir Neues zu lernen? Wie setzt du das in deinem Alltag um?

Mega wichtig. Ich lese ungeheuer viel, weil ich mich für alle möglichen Themen interessiere. Und wenn es ein Buch ist, wo es um Verhaltensänderungen geht, probiere ich die Dinge dann halt aus. Manches bleibt, anderes verliere ich wieder aus den Augen. Ich glaube, dass die größten Veränderungen langsam kommen, indem wir unsere kleinen, alltäglichen Gewohnheiten überprüfen und ändern. Das, was wir groß „das Leben“ nennen, besteht doch aus Millionen von kleinen Einzelentscheidungen.

Setzt du dir selbst Herausforderungen oder ergeben diese sich von allein?

Manchmal setze ich mir Herausforderungen (wie zum Beispiel einen Roman zu schreiben), oft stellt mich das Leben aber auch von ganz allein vor welche oder es ergeben sich Gelegenheiten, die dann eine neue Herausforderung zur Folge haben.

Was hast du durch deinen ersten Roman gelernt?

Durchzuhalten. Dass es bei guten Geschichten mindestens so sehr um die Figuren geht wie um die Handlung. Dass ich es ganz gut hinbekomme (mit Luft nach oben) und dass es mich sehr erfüllt.

Welche Tools nutzt du zur Organisation und Planung?

Google Kalender für Termine, Asana für Aufgaben, Obsidian für Notizen, Zitate und Texte (außer lange Texte wie meinen Roman, die schreibe ich mit Papyrus Autor). Und ein Tablet mit Stift für kurzfristige, handschriftliche Notizen wie zum Beispiel eine Liste mit Dingen, die ich heute zu tun habe. Die App YNAB für meine Finanzen, war für mich ganz wichtig, um das Thema Geld in den Griff zu bekommen.

Wann bist du mit einem Thema oder Projekt durch?

Wenn es fertig ist oder wenn ich kein Interesse mehr daran habe. Barbara Sher sagt dazu ja, dass Scanner oft das Interesse verlieren, wenn sie das Gefühl haben, dass sie alles dazu gelernt haben. Ein weiterer Grund, warum ich Projekte einschlafen lasse, also einfach nicht mehr anfasse, ist, wenn es schwierig wird, mir zu anstrengend wird. Da übe ich mich aber gerade sehr darin, das zu lernen. Aufzugeben, wenn es anstrengend wird, ist glaube ich mein größtes Defizit.

Wie sieht dein idealer Tag aus?

Frei nach Harald Juhnke: Keine Termine, aber einen sitzen brauche ich auch nicht. Entweder ein kreativer Tag mit mir selbst, wo ich etwas erschaffe, inspirierende Dinge erlebe, entdecke, mich erhole. Oder ein Tag mit tollen Menschen um mich herum, Gesprächen, gemeinsamen Aktivitäten.

Unterstützt dein Umfeld deinen Lifestyle? Oder begegnest du oft Unverständnis?

Voll und ganz. Ich habe aus meinem Umfeld nie Gegenwind bekommen, und dafür bin ich sehr dankbar. Besonders meine Eltern haben einfach immer alles gefeiert, was ich mache. Meine Mutter ist 78 und klebt in ihrer Freizeit Aufkleber meiner Bar an Berliner Straßenlaternen.

Was ist Erfolg für dich? Wie wichtig ist es dir, erfolgreich zu sein?

Das ist eine schwierige Frage. Ich definiere Erfolg leider immer noch viel zu sehr danach, was ich im Außen erreiche. Wie viel Geld verdiene ich? Wie viele Leser habe ich? Was habe ich erreicht? Und das gerne auch im Vergleich zu anderen. Das hat leider zur Folge, dass es nie genug ist, weil es immer noch mehr oder besser sein könnte und es auch immer jemanden gibt, der oder die mehr erreicht hat.

Meine Wunschdefinition, die ich rational schon verstanden habe, die aber noch nicht nachhaltig in meinem Herzen oder Bauch angekommen ist, ist, gute Dinge zu schaffen, produktiv zu sein, achtsam und in Verbindung mit Menschen und der Natur sein. Gut gefallen mir auch die Tugenden des Stoikers Marc Aurel: Gerechtigkeit, Selbstbeherrschung, Tapferkeit und Freiheit. Danach so gut es geht zu leben, könnte auch meine Definition von Erfolg sein.

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Fotos: Christoph Assmann

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