Es wird gesagt: “Wenn man nicht zweifelt, führt man ein Leben unter seinem Niveau.” Ich habe viel über diesen Satz nachgedacht und möchte ihn gern glauben. Denn dann wären meine vielen Zweifel ein Zeichen dafür, dass ich etwas richtig mache und das wäre doch schön. Natürlich kann ich das aber nicht einfach so stehen lassen, sondern zweifle daran.
Andere behaupten, die Zweifel würden dem Affenhirn entstammen und Teil unserer Überlebensinstinkte sein. Man soll sie möglichst ignorieren und ihnen bloß keinen Glauben schenken. Dabei scheint es mir völlig unmöglich zu sein, so einen großen und dominanten Anteil meines Gedankenstroms komplett auszublenden. Sicher schadet es nicht, seine Zweifel weniger persönlich zu nehmen und sie aus der Distanz auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Aber komplett los wird man die Nervensägen dadurch leider auch nicht.
Wie kann es denn auch sein, dass ein Teil von uns, der evolutionär so wichtig gewesen zu sein scheint, dass er sich bis ins 21. Jahrhundert fortgepflanzt hat, uns heute nur noch belastet und stört? So zweifle ich also auch an der Affenhirnthese und habe nach wie vor keine Erklärung für meine Zweifel.
Vor einiger Zeit lernte ich, dass negatives Visualisieren (”Was ist das schlimmste, das passieren kann?”) hilfreich sein kann, um Ängste abzubauen und sich auf mögliche Hindernisse vorzubereiten. Anscheinend gibt es also verschiedene Arten von Zweifeln und es hilft vielleicht nicht, sie alle über einen Kamm zu scheren.
Arten des Zweifelns
Schauen wir uns also mal an, welche destruktiven Denkgewohnheiten es so gibt. Die ausführlichste Übersicht habe ich hier gefunden und stelle euch nun die einzelnen Punkte vor.
Katastrophisieren
Es mag Vorteile haben sich gelegentlich mit einem Worst-Case-Szenario zu beschäftigen. Dabei besteht jedoch die Gefahr, von einer Katastrophe zur nächsten und damit in eine gedankliche Abwärts-Spirale zu geraten. Genau das passiert beim Katastrophisieren: Man übertreibt kleinere Probleme, die wahrscheinlich gar keine Auswirkungen haben, so lange bis sie dramatische Folgen haben.
Ich sehe da zum Beispiel jemanden, der im Stau steht und befürchtet, sich zu einem beruflichen Meeting zu verspäten. Diese Person malt sich aus, wie diese Verspätung dazu führt, dass sie gekündigt wird, sie als Folge davon ihre Wohnung verliert und in der Ubahn betteln muss. Dabei ist es 1) noch gar nicht sicher, dass sie sich überhaupt verspäten wird und 2) sind die ausgemalten Konseguenzen recht unwahrscheinlich und natürlich völlig übertrieben.
Übergeneralisierung
Eine Sonderform des Katastrophisierens ist die Übergeneralisierung. Dabei spart man sich die Zwischenschritte und schließt gleich von einer kleinen Unstimmigkeit auf großes Unglück.
Ein schlechtes Date? Du bist zu lebenslanger Einsamkeit verdammt, denn niemand wird dich jemals lieben.
Einen Fehler in der Matheaufgabe gemacht? Du wirst die Schule niemals abschließen.
Einen Tag Durchfall? Eindeutig Darmkrebs im Endstadium.
Muss ich genauer erläutern, was daran problematisch ist?
Gedankenlesen
Wir bekommen meist nur indirektes Feedback darüber, was andere Leute von uns denken. Es ist uns aber fundamental wichtig zu wissen, ob wir einen guten Eindruck machen. Daher spekulieren wir, was das Zeug hält.
Beim Gedankenlesen grübeln wir darüber, wie wir das Verhalten anderer Menschen interpretieren sollen.
Ich persönlich kann mich stundenlang damit beschäftigen, was eine bestimmte Aussage bedeuten soll, in welchem Licht man einen schrägen Blick interpretieren soll und vor allem, was mein aktueller Schwarm wohl über mich denkt.
Das ist an sich schon eine gute Verschwendung von Lebenszeit, wenn man jedoch mit einer feindseligen Grundannahme an die Sache rangeht, wird es gleich richtig toxisch. Ich meine damit, dass man dem Gegenüber unterstellt, er würde herablassende Gedanken haben, sich über einen lustig machen und einem schaden wollen.
Damit landet man dann ganz schnell wieder beim Katastrophisieren.
Und bei der Geschichte mit dem Hammer.
Schwarz-Weiß-Denken
Man kann sich schnell in den Zustand totaler Hoffnungslosigkeit katapultieren, indem man der aktuellen Situation eine perfekte Vision gegenüberstellt. Wenn man zum Beispiel im Büro sitzt und die einzige denkbare Alternative darin besteht, am Strand zu liegen. Dass es viele andere Möglichkeiten gibt, die vielleicht auch ganz schön wären, kommt einem beim Schwarz-Weiß-Denken nicht in den Sinn.
Minderwertigkeitskomplexe passen gut zu diesem Denkmuster. Man muss schon perfekte Noten haben, um etwas wert zu sein, man muss der reichste Mensch der Welt sein, um es zu etwas gebracht zu haben und der eigene Social Media Account braucht mehr Follower als Ariana Grande, um bedeutsam zu sein.
Warum das zu Verzweiflung führt, werde ich an dieser Stelle nicht näher ausführen.
Sollte-Aussagen
Mit Sollte-Aussagen kann man sich das Leben auch sehr schwer machen. Dabei hackt man auf sich selbst herum, wenn Idealvorstellungen und starre Verhaltensnormen nicht erfüllt werden. Ich sollte mich gesünder ernähren. Ich sollte mehr Sport treiben. Ich sollte mich nicht immer so aufregen. Und mein Favorit: Ich sollte dankbar sein.
Selbstkritik ist die eine Sache, aber fast noch schlimmer ist es, wenn man mit Anderen nie zufrieden ist und unmögliche Erwartungen an sein Umfeld stellt. Wir vergleichen ja nicht nur uns selbst mit Werbung und Social Media Helden, sondern auch unsere Mitmenschen. Und wenn dann jemand kein perfektes Auto, keine perfekte Wohnung und keinen perfekten Körper hat, kann es ganz schön schwierig sein, einen geeigneten Partner zu finden.
Filtern + Abwertung des Positiven
Wir alle haben die Tendenz, negatives stärker zu gewichten als positives. Unser Hirn ist einfach so verdrahtet. Wenn man sich jetzt aber einen Filter auflegt und das Positive komplett übersieht und sich nur auf das Negative konzentriert, kann es passieren, dass man gar nichts Schönes mehr findet.
Wenn man noch einen drauflegen will, kann man das Positive auch gezielt abwerten. Zufall, Glück, Ausnahmen, mit solchen Begründungen kann man schön an seinem Selbstbewusstsein nagen. Die anderen Menschen sind kompetent, aber man selbst ist nur eine Hochstaplerin, die durch Lug und Betrug an ihre Stelle gekommen ist. Außerdem ist so ein Lob des Chefs ja nicht ernst gemeint und hat überhaupt nichts zu bedeuten.
Zusammenfassung
Ihr seht, es gibt sehr viele Wege, wie man sich selbst das Leben schwer machen kann. Dabei hat jeder seine ganz persönlichen Vorlieben, die aus seiner Biografie erwachsen. Es ist hilfreich, seine Zweifeleien in Kategorien einzuteilen und sie objektiv zu betrachten: Wie wahrscheinlich ist das? Entspricht das der Wahrheit? Kann ich das wissen? Und vielleicht werden die Zweifel dann mit der Zeit immer weniger. Ganz verschwinden werden sie aber vermutlich nie.
Woher kommt denn auch die Idee, man könnte oder müsste frei von Zweifeln sein? Ich vermute, das ist Wunschdenken. Vielleicht dem Fakt geschuldet, dass wir uns immer öfter mit Maschinen und Algorithmen vergleichen, die ja einfach tun, wofür sie geschaffen wurden, ohne sich selbst zu zerfleischen. Das ist aber auch eine ziemlich gewagte These und so lasse ich sie in der Schublade verschwinden, ohne weiter darüber nachzudenken.
Wollen wir wirklich wie Maschinen werden oder finden wir Wege, unsere Zweifel konstruktiv zu nutzen? Das wäre vielleicht ein gutes Thema für einen weiteren Beitrag. Klick “Gefällt mir”, wenn du so einen Beitrag lesen möchtest.
Jetzt Du!
Welche Art von Zweifeln plagen dich am meisten? Wie gehst du damit um?
Entdecke mehr von Die Potentialistin
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
2 Kommentare zu „Ich zweifle, also bin ich? – Arten des Zweifelns“