Ein Beitrag aus der Schreibwerkstatt
Was hatte sich geändert? Das Gras wirkte grüner, der Regen nasser und die Sonne? Die Sonne lachte ihr jeden Tag aufs Neue entgegen. Sogar der Mond wirkte größer, voller, runder, nur die Sterne blieben blass und nur vereinzelt sichtbar in der Großstadt.
So hatte sie den Tag verbracht. Vom Sonnenaufgang bis zur dunklen Nacht hatte sich ein Moment an den anderen gereiht. Ihre Sinne holten sie aus ihrem Kopf und zeigten ihr das Leben. So konnte sie alles spüren: den Wing im Baum vor ihrem Fenster, die sich ständig zankenden Elstern und natürlich das flinke Eichhörnchen. Sie war in jeder Sekunde bei den Dingen draußen, bei den Aufgaben und Gesprächen, die ihre volle Aufmerksamkeit erforderten und gar nicht mehr in ihrem Kopf. Sie war irgendwie präsenter und mehr sie selbst, aber sie verlor auch die Kontrolle.
Die Illusion der Kontrolle – denn wirklich kontrollieren konnte sie sich nicht. Sie vermisste die Selbstgespräche. Die Erlaubnis, die sie gebraucht hatte, ehe sie auch nur die kleinste Regung tat. Vorher war alles fein durchorchestriert gewesen, aber jetzt wurden Fakten geschaffen: reine Spontaneität.
Sie wusste, wie sehr sie sich verändert hatte. Alles war dichter und schneller geworden. Intensiver. Sie war die Hauptfigur und nicht mehr die Regisseurin. Es machte alles so viel mehr Sinn, aber es beunruhigte sie auch. Sie hatte die Führung aufgegeben. Das Auto fuhr von allein. Sie konnte den Fahrtwind genießen. Und das tat sie.
Einen Sonnenuntergang nach dem anderen beobachtete sie von ihrem Balkon und wusste, dass es nichts zu befürchten gab. Der Kopf hatte Frieden gefunden.
Sie lernte nun eine neue Form von Einsamkeit kennen. Die Art, bei der man so eine vollständige Einheit bildet, das für nichts und niemand anderen mehr Platz ist. Andere Menschen existierten plötzlich auch nur noch in Momenten. Überhaupt gab es keine andere Kontinuität außer dem Strom. Vielleicht ist es das, was die Leute Bewusstsein nennen, dachte sie und fragte sich erneut, was sich denn eigentlich geändert hatte, bevor sich alles verändert hatte, aber sie fand keine Antwort.
Kontinuität war eine Täuschung. Der Fluss existierte an tausend Orten gleichzeitig und es war ein Wunder, dass er an ihr vorbeirauschte als hätte er ein einheitliches Wesen.
Sie stand auf der Brücke und blickte auf das Wasser. Das Einzige, was in diesem Moment existierte, war sie. Und alles Andere war nur ein Eindruck, ein Gefühl. Sogar die Entenbabies. Obwohl sie echt süß waren. Und das war ja genau der Unterschied. Entenbabies statt Overthinking. So ließ es sich doch leben.
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