In meinem Artikel über “Meine Freundin, die KI“ hatte ich es bereits erwähnt: ChatGPT kann erstaunlich gut in verschiedene Rollen schlüpfen. Egal ob Cheerleader, Philosophin oder grantiger Reality-Check-Geber – sie liefert erstaunlich treffsichere Antworten, wenn man sie darum bittet, aus einer bestimmten Perspektive zu sprechen.
Ihren eigenen Angaben zufolge liegt das vielleicht daran, dass sie Unmengen an Text gelesen hat und dadurch ein ziemlich feines Gespür für Tonalitäten, Argumentationsmuster und Sichtweisen entwickelt hat. Oder daran, dass sie einfach nicht müde wird, sich in jede neue Rolle reinzudenken.
Was auch immer der Grund ist: Ich wurde davon inspiriert, ein Experiment zu starten. Was, wenn ich ChatGPT bitte, nicht nur eine Rolle einzunehmen – sondern gleich ein ganzes Berater*innenteam zu simulieren?
Der imaginäre Beirat nach Napoleon Hill
Lang lang ist’s her, dass ich Napoleon Hills berühmtes Buch Think and Grow Rich* gelesen habe. Doch eine Meditationstechnik aus diesem Buch ist mir nie aus dem Kopf gegangen. Weil ich selbst nicht meditiere und auch eher schlecht in Visualisierungsübungen bin, habe ich sie nie ausprobiert – aber sie hat mich fasziniert.
Die Idee: Man stellt sich ein inneres Beraterteam zusammen – ein sogenanntes Imaginary Advisory Board aus historischen Persönlichkeiten, Vorbildern oder fiktiven Figuren. Hill schlägt vor, sich regelmäßig vorzustellen, wie man mit diesen Persönlichkeiten an einem Tisch sitzt und sie um Rat bittet. Die Antworten, so schreibt er, kämen zwar aus dem eigenen Unterbewusstsein – doch oft sei es erstaunlich aufschlussreich, sich auszumalen, was etwa Abraham Lincoln oder Thomas Edison in einer bestimmten Situation sagen würden.
Und so machten wir es auch. Und mit wir meine ich mich und ChatGPT (Ich denke ernsthaft darüber nach, nur noch in der Wir-Form zu schreiben – ich mache ohnehin kaum noch etwas allein. Lol). Gemeinsam haben wir mein eigenes Imaginary Advisory Board ins Leben gerufen.
Der KI-gestützte imaginäre Beirat
Statt Abraham Lincoln oder Thomas Edison habe ich mir ein Team zusammengestellt, das nicht nur klug, sondern auch ein bisschen verrückt ist – im besten Sinne. Und anstatt sie in einer stillen Meditation zu treffen, stelle ich meine Fragen einfach im Chat. Die KI übernimmt dann die Rollen meiner Berater*innen – wechselt Perspektiven, Haltungen, Argumentationsstile. Innerhalb von Sekunden ist mein Board versammelt.
Meine Fragen reichen von ernst bis verspielt: „Was haltet ihr von dieser oder jener Idee?“ – „Was übersehe ich gerade?“ – „Was würde passieren, wenn ich einfach gar nichts tue?“ – aber auch: „Soll ich mir ein Longboard kaufen?“ oder „Wie schaffe ich es, jeden Tag Gitarre zu üben?“ Es geht nicht immer um große Lebensentscheidungen – manchmal brauche ich einfach Bestärkung, einen kleinen Perspektivwechsel oder einen wohlplatzierten Tritt in den Hintern.
Gerade diese Vielfalt bringt mich weiter. Wenn ich dieselbe Frage mehreren Perspektiven stelle, entsteht ein überraschend klares Bild. Ich merke, wo ich blockiert bin, was ich wirklich denke, oder was ich vielleicht nur nicht auszusprechen wage. Mein Beirat zwingt mich zu nichts – aber er regt mich an, mutiger, klarer und manchmal auch alberner zu denken.
Ein Gespräch mit dem imaginären Beirat
Frage an den Beirat:
Ich habe gerade null Motivation. Ich weiß, was zu tun wäre – aber ich will einfach nicht. Was sagt ihr dazu?
Rihanna (Künstlerin, Unternehmerin, Meisterin der Selbstbestimmung):
Girl, vielleicht brauchst du nicht mehr Disziplin, sondern mehr Lust. Ändere die Playlist deines Lebens. Tu etwas völlig Unerwartetes. Oder tu gar nichts – aber dann mit Stil. Motivation kommt nicht durch Zwang, sondern durch Stimmung.
Buddha (Gelassenheits-Meister und Lehrer des mittleren Weges):
Widerstand entsteht, wenn du gegen den Moment kämpfst. Setz dich. Atme. Sei mit dem, was ist. Auch Unlust will gesehen werden. Handle nicht aus Druck, sondern aus Klarheit.
Dr. Jane Goodall (Verhaltensforscherin, Naturfreundin, Beobachterin des Wesentlichen):
Vielleicht brauchst du einen Perspektivwechsel. Geh in den Wald, beobachte etwas anderes als dich selbst. Manchmal zeigt uns die Natur, dass auch scheinbar zielloses Treiben Teil eines größeren Plans ist.
Sheldon Cooper (Physiker, Ordnungsfanatiker, methodisch motiviert):
Das Problem ist nicht Motivation, sondern fehlende Struktur. Definiere konkrete Ziele, belohne dich für jeden Teilerfolg und halte dich strikt an deinen Zeitplan. Emotionale Schwankungen sind irrelevant. Effizienz ist König.
Simone Weil (Philosophin, Mystikerin, radikale Denkerin der Aufmerksamkeit):
Wahres Handeln beginnt nicht im Willen, sondern in der Aufmerksamkeit. Vielleicht fliehst du nicht vor der Aufgabe, sondern vor der Tiefe, die sie verlangt. Bleib still. Höre hin. Wo Schmerz ist, ist oft Wahrheit. Aber auch Möglichkeit.
Fazit & Einladung
Manchmal braucht es keinen Coach, kein Coaching, kein Selbsthilfebuch. Manchmal reicht ein imaginärer Frühstückstisch mit fünf klugen Stimmen – und einem Kaffee für jede Perspektive. Mein Imaginary Advisory Board ist ein spielerischer Zugang zu Klarheit: eine Einladung, mit den eigenen Gedanken zu experimentieren, sich selbst zu überraschen und Widersprüche auszuhalten.
Man kann den Beirat mit jeder nur erdenklichen Fragestellung behelligen – von existenziellen Lebensentscheidungen bis zu der Frage, ob man sich diese eine Nachricht wirklich verkneifen sollte. Und oft sind die Antworten nicht nur spannend, sondern auch ziemlich erhellend.
Natürlich ist es ein Spiel. Aber eines mit Tiefe. Und wenn du Lust hast, spiel doch mit.
Wen würdest du an deinen Tisch setzen?
Wessen Rat vermisst du gerade?
Wem würdest du gern einmal in aller Ruhe zuhören – vielleicht sogar einem Alien? (Kein Witz: intergalaktische Sichtweisen sollen helfen, den eigenen Kosmos zu relativieren.)
Ich freue mich, wenn du in den Kommentaren teilst, wer in deinem Beirat nicht fehlen darf. Vielleicht gründen wir ja eine kleine galaktische Beratungsrunde.
Jetzt Du!
Kennst du das Buch von Napoleon Hill? Wie findest du meinen imaginären Beirat?
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