Heute ist der Tag, an dem ich mit meinem Buchprojekt starte. Ich habe mich schon tagelang darauf gefreut, endlich loszulegen, aber jetzt, wo es endlich soweit ist, kotz ich im Strahl! Ich bin massiv überfordert, weiß nicht, wo ich anfangen soll und will mich einfach nur vergraben oder weiterhin Schreibratgeber lesen, bis ich umfalle. Tatsächlich habe ich schon hundert Schreibratgeber gelesen und sie haben mir die Freude am Schreiben massiv verdorben! Anders kann ich es nicht sagen.
Vor circa vier Jahren wollte ich unbedingt einen Roman schreiben und ich habe auch sehr viel Zeit in dieses Projekt investiert. Ich habe mehrere Entwürfe mit über 30 Seiten verfasst, mir einen Schreibpartner zum Austausch gesucht und sogar einen Onlinekurs absolviert. Aber am Ende des Tages bin ich immer irgendwo stecken geblieben und nicht weitergekommen, sodass ich alle angefangenen Projekte verworfen habe.
Das multipotentialistische Dilemma
Jetzt, wo die Entscheidung gefallen ist, ein Sachbuch zu schreiben und ich vor dem Schreibprogramm sitze, wie eine Kuh vorm Scheunentor, bekomme ich plötzlich doch wieder Lust, einen Roman zu verfassen, obwohl ich dieses Projekt als ein für allemal gescheitert bezeichnet hatte.
Und das ist der Punkt, auf den ich eigentlich hinauswill und den ich als das multipotentialistische Dilemma bezeichnen möchte: Sobald wir uns für ein Projekt entschieden haben, werden die anderen möglichen Projekte auf einmal viel interessanter als dasjenige, an dem wir wirklich arbeiten und wir wollen alles hinschmeißen und uns mit der anderen Sache beschäftigen.
Vielleicht kann man dieses Phänomen als Shiny Object Syndrome bezeichnen oder man nutzt das althergebrachte Sprichwort, dass das Gras auf der anderen Seite immer grüner ist… Wie man es nun nennen möchte, es bleibt ein massives Problem bei der Erreichung der eigenen Ziele.
Nun ist die Frage, ob man sich davon aufhalten lassen sollte.
Eine mögliche Lösung
Einerseits ist es natürlich sehr, sehr hinderlich, wenn man bei der Arbeit an einem Projekt ständig von anderen tollen Projekten abgelenkt wird. Andererseits hat man in diesem Moment einen top Motivationsschub für die Arbeit am anderen Projekt und den könnte man doch zu seinem Vorteil nutzen.
Anstatt also weinend vor meinem Sachbuch-Entwurf zu sitzen, könnte ich ein paar Ideen für einen Roman skizzieren oder (wie ich jetzt tue) einen Blogpost über die Problematik verfassen. Tatsächlich ist dieses multipotentialistische Dilemma etwas, das mir immer wieder begegnet und es gibt auch einen hilfreichen Ratgeber zu diesem Thema: Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin* von Sascha Lobo, Kathrin Passig et al.
Auch wenn das von mir beschriebene Phänomen dort nicht die Hauptrolle spielt, ist es doch eine der vorgestellten Strategien, um etwas zu erreichen. Wenn du unter Prokrastination leidest und statt deinem ursprünglichen Projekt lieber an einem anderen arbeiten möchtest, dann mach das doch einfach! Du wirst zwar dein ursprüngliches Ziel nicht erreichen, aber dafür ein anderes, von dem du gar nicht wusstest, dass du es hattest.
Weitere hilfreiche Tipps
Andere Wege um mit Prokrastination klar zu kommen beschreibt Ali Abdaal in Feel Good Productivity.* Laut dem Autor hat Prokrastination 3 Ursachen: Unklarheit, Angst und Trägheit.
Unklarheit
Unklarheit tritt immer dann auf, wenn wir von der Aufgabe überfordert sind oder die Komplexität einer Situation uns paralysiert. Die Lösung besteht darin, Klarheit zu schaffen, indem man eine Reihe von Fragen beantwortet.
Die erste Frage lautet WARUM und dient dazu den Zweck und Nutzen der Aufgabe zu klären. Warum möchtest du Gitarre spielen lernen? Möchtest du in einer Band spielen? Straßenmusik machen? Singer-Songwriter werden? Mädels beeindrucken? Oder einfach eine entspannende Abendbeschäftigung haben? Je nachdem, welche Zielstellung du verfolgst, wirst du anders an die Aufgabe herangehen.
Die zweite Frage lautet WAS. Es macht durchaus Sinn, dass wir wissen müssen, was genau zu tun ist, bevor wir mit der Arbeit auch nur beginnen können. Wenn die Aufgabe unklar oder überfordernd ist, und du nicht weißt, wie du an die Sache herangehen sollst, dann wirst du sie immer weiter aufschieben. Das ist genau das Problem, was ich mit meiner Business-Idee habe. Ich weiß einfach (noch) nicht, welche Schritte ich gehen muss, um mein Ziel zu erreichen.
Ali Abdaal schlägt vor, dass wir uns auf Aufgaben konzentrieren, die in unserer Kontrolle liegen, wie ich es auch schon einmal beschrieben habe: Wie du dir Ziele setzt, die du auch erreichen kannst. Seiner Ansicht nach sollten die Ziele auch eher kurzfristig sein, damit sie überschaubar bleiben. Er gibt folgendes Beispiel: Statt zu sagen “Ich möchte innerhalb von 3 Monaten 10kg abnehmen”, sollte man sich vornehmen “Jeden Tag 30 Minuten Sport zu treiben”.
Die dritte Frage ist WANN. Du solltest dir ganz konkret vornehmen, wann du 30 Minuten Sport treiben willst. Dabei ist morgen kein hinreichend genauer Zeitpunkt. Auch wenn es nicht immer funktioniert, einen Termin mit sich selbst zu vereinbaren, wird es ohne Termin garantiert nicht funktionieren. Sehr hilfreich ist es, eine Aufgabe mit einer anderen Aufgabe zu koppeln und zum Beispiel direkt nach dem Zähneputzen joggen zu gehen oder direkt nach der Arbeit im Fitnessstudio vorbeizufahren.
Angst
Vielleicht ist aber ganz klar, was du tun musst (z. B. Jobs raussuchen und Bewerbungen schreiben), du hast aber Angst vor den Konsequenzen dieser Tat. Vielleicht wird man dich zurückweisen, vielleicht denken andere Leute dann, du wärst komisch oder aber dein Leben wird sich radikal ändern und du weißt nicht wie es dann aussehen wird, vielleicht besteht auch die Chance zu scheitern. Kurz: Es gibt viele Gründe Angst zu haben und eine wichtige Aufgabe deswegen aufzuschieben.
Der Autor schlägt 3 Schritte vor, mit denen man die Angst überwinden kann.
Schritt 1 – Die Angst verstehen
Schritt 2 – Die Angst reduzieren
Schritt 3 – Die Angst überwinden
Zunächst solltest du dich also fragen, wovor du Angst hast und was dich davon abhält, die Aufgabe beherzt anzugehen. Der Angst gegenüberzustehen ist bereits der erste wichtige Schritt, um sie in den richtigen Kontext zu setzen und zu verkleinern. Was ist der schlimmstmögliche Ausgang? Wie wahrscheinlich ist es, dass dieses totale Horror-Szenario eintritt? Abdaal schlägt auch folgende Fragen vor:
- Wird das in 10 Minuten noch eine Rolle spielen?
- Wird das in 10 Wochen noch eine Rolle spielen?
- Wird das in 10 Jahren noch eine Rolle spielen?
Außerdem solltest du dir darüber im Klaren sein, dass deine Mitmenschen dich wahrscheinlich nicht verurteilen werden. Tatsächlich denken die meisten Menschen hauptsächlich an sich selbst und bemerken es oft nicht, wenn anderen etwas peinlich oder unangenehm ist. Kannst du dich zum Beispiel an eine peinliche Situation erinnern, in der ein Freund sich mal befand? An deine eigenen Fettnäpfchen erinnerst du dich aber garantiert. Abgesehen davon, sind Zurückweisungen zwar unangenehm, bieten aber auch die Chance, sich zu verbessern oder können als zusätzliche Motivation wirken. (”Jetzt erst recht!”)
Trägheit
Ali Abdaal hat die Dreistigkeit das Newtonsche Trägheitsgesetz auf menschliche Handlungen anzuwenden, was ich für absoluten Quatsch halte. Es ist wohl sehr im Trend, physikalische Theorien zweckzuentfremden. Ich möchte jetzt aber keine riesige Diskussion darüber anfangen, und gebe seine Punkte trotzdem wider. Wenn wir in Bewegung sind, ist es leichter, schwierige Aufgaben anzugehen, als wenn wir lethargisch und paralysiert sind. Geschenkt, warum man Newton dafür bemühen muss, weiß ich nicht.
Er gibt hierfür zwei hilfreiche Ansatzpunkte:
Der erste Punkt besteht darin, das Anfangen so einfach wie möglich zu machen, während der zweite Punkt betont, dass man sein Umfeld möglichst zuvorkommend gestalten sollte. Wir haben über beide Punkte schon mehrfach auf diesem Blog gesprochen.
Reduziere die Schwierigkeiten des Einstiegs, z. B. indem du Rituale schaffst oder die nötigen Gegenstände stets bereit hast. Reduziere vor allem auch die Erwartungen, die du an dich stellst und nimm dir lieber vor einen schlechten Text zu schreiben, anstatt einen Nobelpreis gewinnen zu müssen. Lies dazu auch diesen Artikel: Motivationsprobleme überwinden – Was hilft, wenn du keine Lust hast.
Folgende Anpassungen ans Umfeld schlägt der Autor vor:
- Passe dein Umfeld an deine Ziele an.
- Mach dir den Einstieg so leicht wie möglich.
- Wisse stets, was der nächste Schritt ist.
- Dokumentiere deine Fortschritte.
- Beziehe andere Menschen mit ein.
- Verzeihe dir Fehler & Niederlagen und fokussiere dich auf deine Siege.
Fazit
Wir müssen uns von Prokrastination nicht aufhalten lassen. Es gibt gute Strategien, die dir helfen können, deine Ziele zu erreichen. Aber wir müssen uns auch nicht für alle Ewigkeit an unsere einmal festgelegten Ziele halten. Wen interessiert es, ob ich jetzt ein Sachbuch oder einen Roman schreibe, Hauptsache ich mache irgendwas.
So kannst du den Druck rausnehmen und dich auf deine Stärken konzentrieren, anstatt auf dir rumzuhacken und an deinen Schwächen rumzudoktern. Wenn es jedoch eine große Aufgabe gibt, die du auf jeden Fall absolvieren möchtest (Masterarbeit anyone?), dann können dir die Tipps von Ali Abdaal helfen, die Hemmungen zu überwinden, mutig zu sein und dir Unterstützung von deinem Umfeld zu holen.
Jetzt Du!
Kommt dir das alles bekannt vor? Was hilft dir bei Prokrastination?

